Es war irgendwann in der Zeit als die Corona-Zeit zwar noch nicht vorbei war, aber die größten Verwüstungen vorerst etwas gelindert waren. Als die ersten Leute geimpft waren, als die Ausgangssperren nicht mehr waren und es auch nicht mehr Winter war. Da erzählten dann die ersten Freunde, dass es ihnen in dieser Zeit gar überhaupt nicht so gut gegangen ist. Man hörte von den ersten Bekannten, die in Therapie oder einer Klinik gegangen sind und hat es von anderen mitbekommen, dass die es auch hart nötig gehabt hätten. Aber erstmal haben die Leute geschwiegen und es in sich rein gefressen.
Und jetzt? Jetzt habe ich das Gefühl, dass in diesem aktuellen Wahnsinn gerade die psychischen Verwüstungen auch anfangen. Ich hab es bei ein, zwei Freunden bemerkt, die nicht drüber sprechen, aber wenn man sie kennt, merkt man, dass sie gerade mächtig knabbern. Das die Sicherheit komplett zerfetzt wurde, ganze Weltbilder ins Wanken geraten, die Unsicherheit Ängste macht.
Also: Wie geht ihr mit der ganzen Geschichte rund um Krieg, Trump, Wirtschaftskrise, Grönlandgier, Techimperialismus und Faschismus um? Wie geht es euch?


Ich schreibe das jetzt nur hier dazu, weil es finde ich dazu passt, nicht weil ich dich kritisieren oder gegen Stoizismus argumentieren will:
Als säkularer Buddhist sehe ich viel Gemeinsamkeiten mit Stoikern. Was ich erstaunlich finde ist, dass beides etwa gleichzeitig, aber in unterschiedlichen Teilen der Welt ohne Kontakt zueinander entstanden ist und trotzdem einen so ähnlichen Ansatz verfolgt.
Ein nennenswerter Unterschied ist, dass, wie du schon schreibst Stoiker an den freien Willen glauben, dass obwohl man die Umstände nicht kontrolliert, man sein eigenes Handeln unter den Umständen kontrolliert. Die moderne Psychologie und Neurologie glaube ich findet sich da eher auf Seiten des Buddhismus wieder, der eher davon ausgeht, dass man wenig Kontrolle hat, auch über das eigene Handeln, bzw. jedes Fitzelchen an Kontrolle über sich selbst erst erarbeitet werden muss. Das resoniert auf jeden Fall mit mir als Person mit ADHS.
Es geht beim Buddhismus zentral mehr darum Verlangen zu identifizieren und davon loszulassen, insbesondere den Verlangen, die nicht erfüllt werden können, z.B. hier dem Verlangen nach einer gerechten Welt (was aber nicht heißt, dass man nicht versuchen soll die Welt selbst ein Stück gerechter zu machen, wenn man die Möglichkeit dazu hat). Leiden ist Teil der Welt, das eigene Leiden ist in Verlangen begründet und wird damit aufgelöst vom Verlangen nach und nach loszulassen. Mir hilft der Ansatz sehr mit den Dingen im OP (und vielem Anderen, z.B. sozialer Angst) klarzukommen.
Konkrete Leseempfehlung wäre “Buddhism without Beliefs” von Stephen Batchelor.
PS: Ich will hier keinesfalls Stoizismus abwerten oder Buddhismus darüber stellen, ich finde Stoizismus sehr interessant und auf jeden Fall einen nützlichen Ansatz den sich jeder anschauen sollte. Und eine der Lehren Buddhas (bzw. wurde vermutlich später hinzugefügt) war auch, dass es nicht auf den Lehrer ankommt und nicht auf die Lehre, sondern wie sie einem helfen sich zu verbessern.
Ich verstehe zumindest bei dem nicht buddhistischen Teil Worauf du hier hinaus willst, ich sehe das den freien Willen als eine nützliche/notwendige Fiktion. Natürlich kämpft man die Hälfte der Zeit gegen den inneren Schweinehund, seine Hirnchemie, genetische Faktoren, die Evolution selbst. Aber selbst dann gehst du ja, wenn du an dir arbeitest, davon aus, das beeinflussen zu können. Und zumindest auch die stoiker würden denke ich kaum behandeln, dass man lästiges einfach so nicht wollen kann.
Wie du schon schreibst sind Hirnchemie usw. auch Umstände über die man keine oder nur begrenzte Kontrolle hat, genauso wie externe Umstände. Deswegen sollte man aus meiner Sicht zuerst an den Erwartungen an sich selbst arbeiten, was absehbar möglich/realistisch ist, also eben keine nützliche/notwendige Fiktion (bzw. das Verlangen danach, dass die Fiktion irgendwann wahr wird) zu haben. Buddhismus konzentriert sich mehr auf den eigenen emotionalen/mentalen Umgang mit diesen Umständen, als die Umstände selbst zu überwinden. Zum Beispiel hat Buddhismus auch Selbstdisziplin nicht per se als Tugend (oder überhaupt Tugenden als solche). Buddhismus hat das “Rechte Bemühen” (right effort), aber da geht es auch eher um die innere Selbstdisziplin.
Tl;dr: Am eigenen Verhalten arbeiten ist gut, aber wichtiger ist, dass das nicht selbst wieder zur Quelle der Verzweiflung wird.