Was fehlt, wenn Kinos schließen, merkt man oft erst im Nachhinein. Jetzt droht sogar einem der größten, dem Mathäser-Filmpalast in München der Abriss.
Ich liebe das Capitol-Kino hier in der Rostocker Innenstadt. Das besteht seit den 1950er Jahren und hat einfach ein tolles Ambiente. Wir haben noch einen großen Saal mit Balkon und Deckenlicht, rote Sitzbänke und einen sehr urigen Schachbrett-Fliesenboden mit goldverzierten Lampen:

Leider nagen der Zahn der Zeit und die schwindenden Besucherzahlen aber auch an dem Kino. :( Während COVID wurde wohl längere Zeit die Heizung abgestellt und in einem der Säle ist die Leinwand dadurch extrem fleckig geworden, darauf Filme zu schauen macht echt nicht mehr so viel Spaß.
Und leider sind die Ticketpreise inzwischen so hoch, dass das Kino oft einem Liminal Space gleicht. Ich hatte tatsächlich schon Filme, bei denen der ganze große Saal leer war und die Anlage nur für mich hochgefahren wurde - eine “Privatvorführung” ist zwar schon irgendwie ganz cool, aber das kann ja nicht rentabel sein:

Mich macht das schon traurig, weil das Kino wohl so wie es aktuell betrieben wird, nicht mehr lange bestehen wird. Es gehört zur CineStar-Gruppe und die treffen dort oft extrem fragwürdige Entscheidungen. Einige, an die ich mich noch erinnere:
- “Civil War” wurde ein einziges Mal auf Englisch gezeigt, spät an einem Sonntag. Der Saal war brechend voll, es gab trotzdem keine weiteren Vorführungen.
- Marvel-Filme werden teilweise wochenlang vorgeplant, der letzte Captain America-Film lief zwei Wochen lang jeden Tag im Originalton. Es gab nach dem ersten Tag schon kein Interesse mehr und die Säle waren leer, wurde trotzdem durchgezogen.
- Auch Filme anderer großer Studios wie Disney werden absolut immer zu den besten Zeiten gezeigt, in Wish ist fast keiner reingegangen (außer mir).
- Teilweise wird exzessiv Werbung gespielt, mein persönlicher Rekord bisher: 25 Minuten sitzen bis es losgeht.
- Animes werden sehr stiefmütterlich behandelt, auch hier gibt es oft nur zwei Vorführungen - eine auf Japanisch und eine mit deutscher Synchro. Bei Demon Slayer wurde die Luft schon extrem dünn, weil dort einfach jeder rein wollte, es gab auch hier keine weiteren Vorführungstermine.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass im CineStar-Management ein paar Boomer sitzen, die immer noch alles nur auf Disney und Marvel setzen und denen der Rest komplett egal ist - aber so arbeitet man halt auch stark an den Interessen der (jüngeren) Besucher vorbei.
Nürnberg macht vor, wie man Kino viel besser gestalten kann. Dort laufen die Drei Fragezeichen-Hörspiele, man kann im Sommer Kinos auf dem Dach schauen, es gibt Tanzflächen mit Veranstaltungen, eine großen Cafe-Bereich mit Public Viewing-Events und vieles mehr. Die versuchen dort, das Kino zu einem allgemeinen Erlebnisort zu machen und ich denke, das wird auch in Zukunft Bestand haben. Aber die ewiggestrigen Kinos, die einfach nur stumpf Hollywood-Blockbuster abfahren, werden irgendwann untergehen.
Und man muss leider auch sagen, dass uns Tiktok, Instagram und all die anderen Drecksplattformen das Kinoerlebnis versauen. Hear me out: Ich sehe immer mehr junge Zuschauer, die sich nicht mehr auf die Filme konzentrieren können und wenn mal eine Szene ein paar Minuten gehalten wird, sofort ihr Smartphone rausholen müssen, um irgendwelche Feeds durchzuscrollen.
Das Capitol hat zwar den Vorteil, dass vier Säle unterirdisch sind und es dort kein Netz gibt (perfekt, um Spider Man zu schauen), aber das hilft auch nur bedingt - dann scrollen einige ihre Galerie durch oder fummeln an ihrer Smartwatch rum, hauptsache man kann irgendwas machen um sich abzulenken.
Ich hatte leider auch schon Vorstellungen, bei denen ich andere Leute anbrüllen musste, weil sie nicht aufgehört haben zu labern und eine normale Konversation keine Abhilfe geschaffen hat. Wenn das Publikum asozialer wird, bleiben auch mehr Leute fern. Mich nervt das auch, auch wenn ich immer versuche, mir mein Hobby von solchen Leuten nicht vermiesen zu lassen - aber das klappt leider nicht immer.
Mittlerweile schaue ich manche Filme lieber zu Hause auf dem Beamer. Wie Ultralativ sagen würde: Und das ist furchtbar schade.
Kino ist halt einfach ein veraltetes Konzept in Zeiten, wo Menschen zuhause bequem quasi jeden Film ihrer Wahl on-demand schauen können. Früher ist man ins Kino gegangen, weil es keine andere Option gab oder weil die Qualität besser war als auf dem Heimfernseher. Das ist halt schon lange nicht mehr wirklich der Fall. Ich finde Kino als Erfahrung zwar auch immer noch besser als Filme zuhause schauen. Aber halt nicht so viel besser, dass ich 20€ ausgebe.
Es wird dann oft gesagt, es müsste günstiger sein, bequemer sein, andere Filme geben. Und das sind ja genau die Dinge, die das Heimkino bietet. Also bleibt man halt zuhause. Die Kinos würde meines Erachtens nach nur permanente staatliche Subvention retten, weil sie als Produkt den Großteil der Bevölkerung einfach nicht mehr ansprechen.
Ich würde mir wünschen, dass kleinere Kinos mit Tischservice ein Comeback erleben. Das wird leider nie passieren, weil die Lizenzen für Filme so absurd teuer sind.
So’n Kinoerlebnis ist eigentlich schon was Tolles, wenn das Kino vernünftig ist und der Film auch gut ist.
Vielleicht fehlt dem Kino ja auch einfach irgendwas elementares. Zum Beispiel Filme mit Story, die nicht versuchen, mit color grading und unrealistischen Kamerafahrten oder Schnitten über die Tatsache ihrer miesen Effektqualität hinwegzutäuschen.
Nö. Es gibt genügend gute Filme, auch heute noch.
Das Problem der Kinos sind die steigenden Kosten, die geringe Marge bei den Filmen und dass man das grundlegende Angebit des Kinos, den Film, auch sehr bequem und (vergleichsweise) günstig zuhause bekommt, mit immer geringerer Verzögerung.
Kinos müssten günstiger an die Filme kommen, damit sie mit gleichen oder niedrigeren Preisen bessere Margen hätten. Vielleicht könnte auch eine Verkleinerung und Dezentralisierung helfen. Lieber ein kleineres Kino mit wenigen Sälen, die aber besser ausgelastet wären, in jedem oder jedem zweiten Stadtteil statt einzelner gewaltiger Filmpaläste, deren Vorführungen kaum ausgelastet sind. Ich vermisse ein bisschen das Dorfkino meiner Kindheit/Jugend, da kannte ich die Inhaber, es war günstig, gemütlich und gewissermaßen familiär. Die Inhaber wussten, wer von den Stammgästen welche Filme mochten und konnten auch mal Empfehlungen für kommende Neuerscheinungen geben, haben überzählige und “alte” Poster rausgegeben, und mal weggeguckt, wenn der Film erst ab 16 war, man aber erst ein paar Wochen später Geburtstag hatte. War einfach ein anderes Flair als die Unpersönlichkeit der Ketten heute.
Außerdem müssen Kinos auch vom “Heimkino” abheben, da kann man mit Events arbeiten. Vor einigen Jahren hab ich z.B. die ersten beiden Folgen der dritten Staffel Game of Thrones im Kino gesehen, mit Kostümwettbewerb, Cosplayern und einem Haufen Brimborium. 2015 gab es im selben Kino am 21. Oktober eine Vorstellung der gesamten Back to the Future-Trilogie, dafür hat man einen entsprechen umgebauten DeLorean gemietet und in die Eingangshalle gestellt, man konnte Fotos von sich am Steuer machen etc. Aber von sowas gibt es zu wenig.Woran es nicht liegt sind die Filme. Es gab immer schon Meisterwerke genauso wie Katastrophen und Mittelmaß. Letztere beiden bleiben nur weniger im Kopf. Und das wird auch weiterhin so bleiben.
Keine Zeit, kein Geld, kaum gute Filme
Was soll den fehlen? Also ich werde ihnen nicht nachtrauern.




